Wo sind all die Jahre geblieben?

Ist der Fall der Berliner Mauer  tatsächlich schon 29 Jahre her? Sind seit den schlimmen Ereignissen des 11. September in den USA wirklich schon 17 Jahre vergangen? Und haben wir fast genauso lange schon den Euro als neue Währung? Und ist in wenigen Tagen tatsächlich schon wieder Weihnachten?

Viele kennen dieses Gefühl: mit zunehmendem Alter ist man davon überzeugt, dass die Jahre immer schneller vergehen. Obwohl ein Jahr im Alter von 20 Jahren genau 12 Monate lang ist, also genau so lang wie bei einem 60-Jährigen. Woran liegt also diese unterschiedliche Wahrnehmung von Zeit?

Die subjektive Empfindung, dass die Jahre immer schneller vergangen sind, ist vor allem bei Älteren weit verbreitet. Das belegen wissenschaftlich begleitete Befragungen von Menschen aller Altersgruppen. Für kürzere zurückliegende Zeitspannen bis zu einem Jahr war die Wahrnehmung bei allen ungefähr gleich. Einig war man sich auch, dass die Zeit sehr schnell vergangen war. Aber für längere Zeitabschnitte war das schon anders: die  Befragten über 40 Jahre meinten, in ihrer Kindheit sei die Zeit sehr langsam verstrichen, aber bereits im Teenageralter hätte sich die Zeit beschleunigt und sei seitdem immer schneller vergangen. Die jüngeren Probanden hatten dieses Gefühl nicht.

Mittlerweile festigt sich in der Wissenschaft die Erkenntnis, dass die Art und Weise, wie unser Gehirn Ereignisse speichert, die Zeitwahrnehmung maßgeblich mitbestimmt. Je nachdem, wie wir uns bei einer Tätigkeit fühlen, erleben wir die Zeit unterschiedlich. Wenn wir Spaß dabei haben und Neues erleben, vergeht die Zeit wie im Fluge. Das ist bei eher langweiligen oder uninteressanten Arbeiten völlig anders.

Erinnert man sich später, ist das Zeitempfinden aber komplett anders: die interessanten neuen Erlebnisse erscheinen länger als die eher langweiligen oder uninteressanten. Das liegt daran, dass unser Gehirn neue Eindrücke umfangreicher speichert als Vertrautes. Wenn wir dann im Nachhinein die Dauer des Erlebten einschätzen, dann hängt es davon ab, wie viele Erinnerungen daran wir in unserem Gehirn abgespeichert haben. Hat man also auf einer Reise sehr viele neue Eindrücke gewonnen, hat im Nachhinein die Reise scheinbar länger gedauert als ein Urlaub in vertrauter Umgebung.

Diese Abläufe in unserem Gehirn könnten unser Zeitempfinden im Alter erklären: In den ersten Lebensjahren erleben wir viel Neues und erlernen Tausende neuer Fähigkeiten, die sich in unserem Gehirn abspeichern. Später ist vieles Routine und wir erleben immer seltener Neues. Die Folge: unsere frühen Lebensjahre sind in unserem Gedächtnis überrepräsentiert. Wenn wir diese Ereignisse wieder aus unserem Gedächtnis hervorkramen, scheinen sie deshalb länger gedauert zu haben.

Wenn das so ist, können wir im Alter überhaupt noch erreichen, dass sich die Zeit quasi verlangsamt? Das Erfreuliche ist: ja, es geht! Wir müssen nämlich lediglich unser Gehirn beschäftigen, indem wir ständig etwas Neues erlernen, ausprobieren oder erleben. Dadurch brechen wir aus unserem Alltagstrott aus und füllen unser Gedächtnis mit neuen Erinnerungen. Denn je weniger Neues wir erleben, desto kürzer erscheint uns später im Rückblick die Zeit.

Empfohlen wird auch, nicht zu häufig über die Zukunft nachzudenken, sondern ganz bewusst im Hier und Jetzt zu leben. Versuchen Sie, den Tag einfach zu genießen und erfreuen Sie sich an kleinen Dingen. Emotionale Momente bleiben besser im Gedächtnis haften, weil sie intensiver gelebt werden.

Hängt unser Zeitempfinden vielleicht auch damit zusammen, dass wir in einer schnelllebigen, hektischen und technisierten Welt leben? Das wird vielfach vermutet. Dagegen spricht allerdings, dass selbst die alten Römer dieses Phänomen gekannt haben müssen. Ihre mehr als 2000 Jahre alte Redensart „Tempus fugit“, die Zeit flieht, beweist das.

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