„Singletreff“ (Honeymoon Ball)

Heute gehe ich mit einer roten Fliege zum Ball.
Nicht ganz freiwillig.
Meine Freunde haben mich bedrängt. „Willst du denn endgültig versauern?“
Ich war schon lange nicht mehr in Gesellschaft.
Fühl mich nicht wohl in meiner Haut.
Auf was habe ich mich da eingelassen?
Wo ist ein kleiner roter Anstecker, passend zu meiner roten Fliege?
Plötzlich steht sie vor mir.
Ein sportlicher Typ, modisch gekleidet, nicht überzogen. Das dunkle, feinkrause Haar ist schulterlang und lässt ihr schmales Gesicht blass erscheinen.
Sie sieht wirklich gut aus. Ich bin fasziniert.
Ihre dunklen Augen schauen mich fragend an. Ich nicke zustimmend. Wir stellen uns vor. Sie spricht etwas leise, hat aber eine angenehm warme Stimme. Da ist ein Zweiertisch frei. Der Ober hat uns beobachtet und bringt den gewünschten Wein.
Beim Zuprosten bedanken wir uns für das gegenseitige Kommen.
Unser erstes Gespräch ist etwas holprig.
Die Musik rettet uns und bittet zum Tanz. Sie schmiegt sich leicht an. Ich bin ganz in ihrem Duft, der nach Frühling schmeckt. „Sie tanzen wirklich gut“, sage ich. „Mir fehlt es an Übung“.
Wie lange habe ich schon keine Frau mehr im Arm gehalten? Es kribbelt in mir. Bilder von früher kommen hoch. Bin hin und her gerissen. Ich muss doch kein schlechtes Gewissen haben?
Der Wein hat inzwischen unsere Zungen gelockert.
Wir lachen viel, lassen keinen Tanz aus.
Heimlich beobachten wir uns, lassen es uns aber nicht anmerken.
Die Zeit vergeht viel zu schnell.
Beim Abschied versprechen wir, uns wieder zu treffen.
Ich bin innerlich aufgewühlt und gehe zu Fuß nach Hause. Die kühle Nachtluft hilft mir, wieder klar zu denken.
Sie wohnt auch hier im Ort, am anderen Ende der Stadt.
Vielleicht habe ich sie schon mal gesehen, aber nicht bewusst wahrgenommen.
Ob sie mich schon kannte? Sie machte einen so sicheren Eindruck.
Ich bin ein Glückspilz, noch immer fasziniert.
Aber so viel Zufall gibt es doch nicht.
Wer hat den Ball ins Rollen gebracht?

 

Dieser Beitrag stammt aus der Schreibwerkstatt in der Brücke.

Aufgabe war es, eine Geschichte zu erfinden, in der das Wort Ball am Anfang und am Ende vorkommen sollte und wurde von

Rudolf Eggers

geschrieben. Wer gerne schreibt und nette Gesellschaft sucht, ist herzlich in der Schreibwerkstatt willkommen.

Ansprechpartnerin: Frau Bücker, Tel.02572-140

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