Altern in der Gemeinschaft

Hoher Besuch: Eintragung ins Goldene Buch der Stadt

Berührungsängste sind Henning Scherf fremd. Er geht auf die Menschen zu, spricht sie an und plaudert mit ihnen, als kenne man sich schon seit langer Zeit. Und so gestaltete er auch seinen Vortrag am 25. September vor etwa 400 Menschen im gut gefüllten Bürgersaal.

Mit stoischer Ruhe ging er durch die Sitzreihen und begrüßte jeden einzelnen seiner überwiegend weiblichen Zuhörer persönlich mit Handschlag. Und das nicht nur, um einen guten Tag zu wünschen, sondern um sich spontan nach dem Befinden zu erkundigen. Wo es ihm angebracht erschien, umarmte er seine Gäste, um Trost zu spenden oder Mut zuzusprechen.

Und während er nach und nach alle 400 Hände schüttelte, hatten die Organisatoren – die Familienbildungsstätte Steinfurt und die Begegnungsstätte „Die Brücke“ – Zeit, ihrerseits die Gäste willkommen zu heißen und sie an die Thematik des bevorstehenden Vortrages heranzuführen. Das Veeh-Harfen-Ensemble Emsdetten brachte zur Auflockerung zwei gut gewählte Musikstücke zu Gehör.

Ein Rednerpult oder gar ein Manuskript brauchte Henning Scherf nicht. Er bewegte sich lieber frei im Mittelgang, immer möglichst nah an seinem Publikum. Und er sprach mit ihm in einer Sprache, die jeden erreichte: bodenständig, direkt und schnörkellos. Aber immer mit viel Einfühlungsvermögen, Liebenswürdigkeit und einer angemessenen Portion Humor. Henning Scherf lacht gern, das sieht man seinem freundlichen Gesicht an. Und es ist ihm ein Bedürfnis, auch selbst in freundliche, optimistische Gesichter zu schauen.

Bereitwillig wurden Bücher signiert, neben ihm ein neuer 99-jähriger Fan.

„Mein Alter gestalte ich!“, das ist die Kernaussage seiner Bücher, die er über die aktive Lebensgestaltung im Alter geschrieben hat. Henning Scherf lebt nach dieser Devise. Und das nicht erst, nachdem er 2005 der aktiven Politik den Rücken kehrte.

Denn schon seit 1988, so erzählte er, lebt das Ehepaar Scherf gemeinsam mit acht Freunden in einem Stadthaus in der Bremer Innenstadt. Alle Bewohner, ob Paare oder Singles, haben ihre eigenen Wohneinheiten. Sollte jemandem nicht der Sinn nach Gesellschaft stehen, kann er sich in seinen privaten Bereich zurückziehen, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Die Bewohner sind abwechselnd aber auch Gastgeber für verschiedene Mahlzeiten, die man gemeinsam zubereitet und isst.

Die Bewohner hatten die Absicht, sich gegenseitig bis zum Tod zu unterstützen. Dieser Fall trat schon früher ein, als sie gedacht hatten. Denn schon zwei Jahre nach dem Einzug erkrankte eine Mitbewohnerin plötzlich an Krebs. Die versprochene Solidarität hatte Bestand, die Dame wurde aufopferungsvoll zwei Jahre lang bis zu ihrem Tod gemeinsam gepflegt. Seine Berührungsängste vor Krankheit oder Tod legte Henning Scherf in dieser Zeit ab. Nur kurze Zeit später erkrankte ein weiterer Bewohner schwer. Auch hier war man füreinander da, diesmal fünf Jahre lang, bis auch er starb.

Zum Abschied gab es Emsdettener Spezialitäten

Besonders anrührend waren auch Scherfs Berichte über alternde Menschen, denen der Kontakt zu Kindern neue Perspektiven gab und das Herz öffnete. Diese Erlebnisse stärkten ihn in seiner Überzeugung, dass die unterschiedlichen Generationen sich nicht separieren dürfen. Sie müssen vielmehr aufeinander zugehen und sich gegenseitig unterstützen. So könnten die älteren Menschen noch möglichst lange in ihrer gewohnten Umgebung leben.

Im Alter muss man, so Henning Scherf, so lange wie eben möglich aktiv bleiben. Selbst zu kochen sei besser als Essen auf Rädern. Er riet, längst vergessenen Hobbys wieder nachzugehen oder sich völlig neue zu suchen. Das sei möglich, man müsse es nur wollen.

Entsetzt zeigte er sich darüber, dass in Deutschland jährlich 160.000 Menschen eine Magensonde bekommen, nicht weil das medizinisch notwendig ist, sondern nur, weil es niemanden gibt, der ihnen beim Essen hilft. Wohnformen, in denen einer für den anderen da ist, könnten einer solchen schlimmen Entwicklung wirksam begegnen.

Am Ende gab es wohl keinen Besucher, der nicht von dem Vortrag begeistert war. Und man war überzeugt, dass die Idee einer aktiven Lebensgestaltung im Alter mit Henning Scherf einen kompetenten, dynamischen und charismatischen Verfechter gefunden hat.

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